Ihr liebt mich, ihr liebt mich nicht - Über Unkraut im Garten
Die einen suchen wir aus, die anderen reißen wir raus. Doch warum eigentlich?
Wir bewerten die Natur, wie wir alles bewerten. Schönes darf bleiben, Wildes betrachten wir als störend. Wir haben sogar ein eigenes Wort für Wildkräuter und Wildblumen erfunden: Unkraut. Abwertend sagen wir damit: du bist unwert, ungewollt, unschön.
Löwenzahn wächst, wo wir ihn nicht haben wollen. Zwischen Steinfugen oder mitten auf dem Rasen. Und er kehrt immer wieder, wenn man ihn nicht richtig mit Wurzel entfernt. Richtig hartnäckig. Doch selbst wenn er nur brav im Beet wachsen würde, würden wir ihn rausreißen oder? Echte Vielfalt stört schließlich das kontrolliert angepflanzte Werk aus edlen Blumen wie Tulpen, Nelken oder Rosen. Und darum scheint es auch im Garten zu gehen: Kontrolle. Ich entscheide, was wo wächst.
Und so ist das mit vielen Wildpflanzen. Wir schützen sie nicht, wir schätzen sie nicht, sie wachsen ja eh.
Dabei hätte der Löwenzahn einiges zu bieten. Er ist eine traditionelle Heilpflanze, seine Blüten liefern Nahrung für Bestäuber und seine Hartnäckigkeit ist eigentlich eine ziemlich beeindruckende Überlebensstrategie.

Das Orakel „Er liebt mich, er liebt mich nicht“ ist die Basis des Key Visuals.
Vielleicht geht es darum, wie wir Natur betrachten.
Aber mal ehrlich: Würden wir ihn stehen lassen, weil er nützlich ist? Würden wir ihn deshalb plötzlich lieben? Oder müsste er erst hübscher blühen, seltener vorkommen oder sich irgendwie mehr anstrengen, um in unserem Garten willkommen zu sein? Ein Glück, dass er so hartnäckig ist und sich nichts sagen lässt – oder ist er es vielleicht gerade deswegen?
Warum darf eine Pflanze einfach wachsen, während eine andere sich ihren Platz erst verdienen muss (und eigentlich chancenlos ist)?
Vielleicht geht es gar nicht nur um den Löwenzahn. Vielleicht geht es darum, wie wir Natur betrachten. Wir freuen uns über Schmetterlinge, Bienen und Vögel im Garten. Wir wünschen uns mehr Artenvielfalt und hängen Nisthilfen auf oder Insektenhotels (ein eigenes Thema). Aber wenn zwischen unseren sorgfältig ausgewählten Blumen etwas wächst, das wir nicht eingeplant haben, greifen wir zur Hacke.
Dabei beginnt Artenvielfalt nicht immer mit dem, was wir pflanzen. Manchmal beginnt sie damit, was wir stehen lassen.
